Neuigkeit vom

Mehr Bewegung im Alltag: Wie Wohnhäuser Sportangebote umsetzen können

Zurück zur Übersicht

Sarina arbeitet im Treffpunktdienst im Wohnhaus Hinterm Graben und hat dort ein niedrigschwelliges Sportangebot aufgebaut. Im Interview erzählt sie, wie aus einer Idee während der Corona-Zeit ein festes Bewegungsangebot wurde, warum Sport für Menschen mit Behinderung so wichtig ist – und wie auch andere Wohnhäuser mit einfachen Mitteln Sport in ihren Alltag integrieren können.

Hallo Sarina, stell dich kurz vor und erzähl, wie ihr bei euch im Wohnhaus angefangen habt, Sport anzubieten

Hallo, ich bin Sarina und arbeite seit fast zehn Jahren im Treffpunktdienst im Wohnhaus Hinterm Graben. Ich selbst mache sehr gern Sport – Aquagymnastik, auch Fitnessstudio, Fahrradfahren und ich gehe viel zu Fuß.
Alles hat eigentlich mit Corona angefangen. Während dieser Zeit wurde in unserer Einrichtung sehr deutlich, wie wichtig Bewegung für unsere Klient*innen ist. Special Olympics und der Bereich Sport und Inklusion der Evangelischen Stiftung Alsterdorf haben damals überlegt, wie Sport auch direkt in den Einrichtungen stattfinden kann. Die Menschen sollten sich ja weiterhin bewegen können.
So kam eine Trainerin zu uns ins Haus, das Angebot wurde finanziert. Ich habe die Trainerin von Tag 1 an begleitet und unterstützt. Zu der Zeit war ich – wie auch heute – u.a. im Treffpunktdienst tätig.

Im Juli bin ich schon 10 Jahre hier. Meine Aufgaben im Treffpunktdienst sind sehr vielfältig – Bastelangebote für unsere Hoffeste oder Faschings-/Halloween-Partys mit gleichzeitiger Organisation, Planung kleiner Ausflüge, Gestaltung schöner Nachmittage mit gemeinsamem Kekse- und Kuchenbacken u.v.m.
Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, trinken wir oft erst einmal gemeinsam Kaffee und sprechen über die Ereignisse des Tages. Danach beschäftigen wir uns mit schönen Dingen wie z.B. mit “Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen, Bewegung oder kleinen Ausflügen.

Nach der Corona-Zeit wurde die Finanzierung für das Sportangebot leider eingestellt. Viele Klient*innen waren sehr traurig, da sie sich eine Mitgliedschaft in einem Sportverein häufig nicht leisten können. Umso deutlicher wurde, wie wichtig niedrigschwellige Sportangebote direkt in der Einrichtung sind.

Wie kam es, dass das Angebot weitergeführt wurde?

Da ich gesehen habe, wie viel Freude der Sport den Klient*innen macht, habe ich das Angebot im Rahmen meines Treffpunktdienstes weitergeführt.
Heute ist das Angebot fest etabliert und ein zentraler Bestandteil ihrer Freizeitgestaltung.  Die Klient*innen wissen, dass 3 mal im Monat von 17:00 – 18:00 das Sportangebot mit Sarina stattfindet.

Das Angebot kommt sehr gut an. Meistens sind es zwischen 6 und 12 Klientinnen. Einige von ihnen sind Rollstuhlfahrer*innen. Im Winter machen wir Sport drinnen, im Sommer im Hof – dort haben wir mehr Platz und frische Luft.

Was macht ihr im Sportangebot?

Wir machen vor allem Hockergymnastik. Dabei kann jeder mitmachen, egal welche körperlichen Voraussetzungen vorhanden sind. Es geht um Bewegung, Koordination, kleinen Gedächtnisübungen und vor allem um Spaß. Die Übungen gestalte ich einfach und spielerisch, so dass alle gut mitmachen können (mit Bällen, Bändern und unserem Lieblings-Utensil, dem großem Schwungtuch).

Wenn das Sportangebot einmal ausfällt, fragen die Klient*innen sofort nach: „Wann gibt es wieder Sport mit Sarina?“ Sie freuen sich jedes Mal darauf und wollen das Angebot nicht verpassen.

Warum ist es wichtig, dass Sport in der Einrichtung stattfindet?

Viele unserer Klient*innen sind körperlich oder geistig oft nicht in der Verfassung selbstständig den Weg zu einer Sportstätte zu bewältigen. Ohne eine unterstützende Begleitung ist es daher für viele nicht möglich an externen Angeboten teilzunehmen. Außerdem fehlt vielen das Geld, um Mitglied in einem Verein zu werden.

Ich begleite Klient*innen auch regelmäßig zu Sportveranstaltungen, zum Beispiel zum Boccia oder Tischtennis-Turnier. Wenn ich merke, dass jemand daran Freude haben könnte, ermögliche ich das sehr gern.

Sport stärkt das Selbstwertgefühl der Klient*innen. Das sieht man besonders bei Turnieren und Sportfesten. Sie sind dann unglaublich stolz auf sich. Die Siegerehrungen sind dabei etwas ganz Besonderes, weil jeder gesehen und gewürdigt wird. Alle sind wahnsinnig glücklich und spüren: „Ich war dabei!“

Solche Tage sind für die Klient*innen mit die Schönsten des Jahres. Jedes Mal geht mir dabei das Herz auf.

Welche Hürden siehst Du beim Sport für Menschen mit Behinderung?

In erster Linie ist es die Organisation. Die Mitarbeiter*innen müssen frühzeitig informiert werden, damit sie sich das in ihre Dienst-Ablaufpläne eintragen können. Viele Klient*innen haben feste Termine, zum Beispiel Krankengymnastik oder den Wocheneinkauf mit der persönlichen Assistenz  und dann muss alles gut abgestimmt oder verschoben werden.

Schwierig wird es auch, wenn Mitarbeiter*innen krank sind. Dann passiert es leider, dass Klient*innen nicht an dem Ausflug zum Beispiel der Sportveranstaltung teilnehmen können. Das ist dann sehr schade. Wir brauchen meist immer eine lange Vorlaufzeit, damit genug Betreuungskräfte eingeplant werden können.

Generell fehlt es oft an Personal für diesen wichtigen Bereich. Sport lässt sich daher nicht immer einfach in den normalen Assistenzalltag einbauen, obwohl er für die Klient*innen so wichtig ist!

Wie förderst du sportliche Interessen bei den Klient*innen?

Wenn ich merke, dass Klient*innen richtig Spaß am Sport haben und gern mehr machen möchten, unterstütze ich sie dabei.

Da ist zum Beispiel Annika. Sie ist sehr sportlich und schwimmt schon seit Jahren im Verein. Irgendwann habe ich gemerkt, dass sie nicht nur selbst Sport machen möchte sondern auch mehr Verantwortung übernehmen möchte. So sind wir auf die Fortbildung vom Bereich Sport und Inklusion aufmerksam geworden. Zusammen haben wir im letzten Jahr an der Fortbildung: Übungsleiterassistenz im Sport teilgenommen.

Inzwischen hilft Annika bei unseren Sportstunden mit: Sie verteilt Bälle, baut mit auf und ab, unterstützt andere Klient*innen bei den Übungen und bringt auch eigene Ideen ein. Das tut ihr richtig gut und stärkt ihr Selbstvertrauen und die anderen profitieren auch davon.

Wenn sich nun ein Wohnhaus durch dieses Interview inspiriert fühlt, welche Tipps hast Du, wie Assistenzkräfte Sport anbieten können?

Man braucht keine besonderen Vorkenntnisse, um ein Sportangebot zu machen. Viel wichtiger ist, dass man selbst motiviert ist und Freude an Bewegung hat. Ich finde es besonders schön zu sehen, wie die Klient*innen beim Sport aufblühen. Viel Lob und positive Rückmeldungen sind dabei ganz wichtig.

Es braucht dafür auch gar nicht viel Platz. Zwei Tische, Stühle und ein paar Bälle und ein kleiner Raum reichen völlig aus. Bei gutem Wetter machen wir auch einfach Spaziergänge, das bereitet Allen große Freude.

Haben Sie Fragen?

Linda Bull

Telefon:
040 50 77 30 33